David hat in der Nacht unruhig geschlafen. Die Pizza vom Vorabend ist ihm nicht gut bekommen. Vermutlich liegt es daran, dass wir gestern Abend keinen Grappa getrunken haben? Wie dem auch sei, beim Frühstück bekommt er keinen Bissen hinunter. An Rad fahren ist für ihn nicht zu denken. Wir beratschlagen, was sinnvoll sein könnte? S-chanf liegt an der Strecke der Rhätischen Bahn, die über Pontresina, Bernina bis nach Tirano führt. Dorthin sollte, grob gesagt, ein Routenvariante führen, die mir vorschwebte. Wenn David mit dem Zug dorthin führe hätte er einen Ruhetag zur Erholung und wir können uns dort treffen. Sollte es ihm nicht besser gehen, hätte er auf jeden Fall eine Möglichkeit, wieder mit der Bahn zurückzukommen. Ich rechnete mir an diesem Tag mit Traumwetter eine reelle Chance aus, bis in die Nähe, wenn nicht gar bis Tirano per Bike zu kommen, auch wenn ich ungern allein im Hochgebirge fahre. Wir fassen also den Entschluss, es so zu versuchen. Ich fahre mit David zum Bahnhof, wir verabschieden uns mit der Hoffnung, dass es ihm heute Abend besser gehen wird und wir wieder zusammentreffen werden. Und so ist es auch geschehen. David kommt in den Genuss einer Bahnfahrt mit dem legendären Glacierexpress. Dabei genießt er fantastische Ausblicke auf die Gletscherwelt der Schweizer Alpen und ich bewältige eine Monsteretappe mit vier hochalpinen Pässen und dreimaligem Passieren der Grenze zwischen Italien und der Schweiz.
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Am Pass Chaschauna |
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Los geht es mit dem Aufstieg zum Pass Chauschauna, dem mit 2696 Meter höchsten Punkt dieser Transalp. Bis ca. 2200 Meter kann man fahren, dann schiebt man eine gute Stunden hoch zum Pass. An diesem klaren Spätsommertag ohne ein Wölkchen am Himmel ist dieser Pass ein Erlebnis, das seinesgleichen sucht. So ein perfektes 360-Grad- Panorama findet man ganz selten. Und das Unglaublichste für mich ist, dass die Abfahrt nach Livigno wirklich jeden Meter komplett fahrbar ist. Kein verblockter Singletrail, der nur wenigen wirklich Freude bereitet; nein eine gut instand gehaltene Abfahrt, später eine Almpiste, teilweise sehr steil, aber ohne technische Probleme zu bewältigen. Ich verliere also trotz Fotostopps keine Zeit bei der Abfahrt nach Livigno, verpflege mich kurz in diesem Touristenort, wo ich nicht übernachten wollte und nehme den zweiten Pass in Angriff.
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Ankunft am Pass Chaschauna |
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Das ist mit den Pass d'Eira allerdings nur ein Straßenpass, der als Zubringer zum Vallaccia dient. Am Talschluss wartet der gleichnamige Pass, auf denen ich beim Kartenstudium gestoßen bin, weil er auf einer gedachten logischen Linie dieser Transalp liegt. Zudem wird er eher selten befahren, hochalpine Einsamkeit ist also garantiert, auch wenn wir etwas mulmig ist, da ich heute allein unterwegs bin. Tatsächlich treffe ich niemanden, keinen Wanderer, keinen Mountainbiker. Eine Weile kann ich noch fahren. Wenn dann der Weg direkt an den Gebirgsbach führt, sollte man sich noch einmal erfrischen, denn dann kommt es knüppeldick. Der Pfad ist zwar nicht zu steil wie am Risetenpass, er führt dafür über verblocktes Wiesengelände, das nur eine äußerst unrhythmisches Schieben, Anheben und kurzes Tragen des Bikes zulässt. An diesem Tag gehen alle meine Energieriegel drauf. Schließlich bin ich oben auf 2614 Metern, es ist mit kurz vor drei Uhr am Nachmittag noch erstaunlich früh. Ich verschnaufe und mache mich voll Ungewissheit an die Abfahrt. Zu meinem Erstaunen und zu meiner großen Erleichterung ist der Pfad bis zur Baita Pastore ein Singletrail vom Feinsten, der bis auf einen kleinen Gegenanstieg für Spezialisten wohl komplett fahrbar sein dürfte. Ich will hier keinen Sturz riskieren, denn ich glaube nicht, dass die reichlich vorhandenen Murmeltiere mir im Falle des Falles eine große Hilfe sein würden. Ab der Baita Pastore führt dann eine grobe Schotterpiste bis hinunter zu einem Sträßchen, das rechts zum Passo Val Viola führt. Der fehlt mir noch in meiner Sammlung. Außerdem führt er auf den logischen Weg nach Tirano, das ich heute noch erreichen will. Nach links könnte man in Richtung Passo Verva oder Arnoga fahren, also auf meine klassische Transalp-Route wechseln. Das hebe ich mir für das nächste Mal auf, oder aber ich schaue mir nach Livigno den Passo Trela an.
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Im Valle Vallaccia |
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Was ich bis jetzt über den Passo Val Viola gelesen hatte, bestätigt sich vollkommen. Von der italienischen Seite aus führt ein alter, zwar langsam zerbröselnder Militärweg zur Passhöhe auf knapp 2500 Metern. Er ist gut fahrbar bzw. gut schiebbar an den Stellen, die zu stark erodiert sind. Oben passiert man dann die Grenze zur Schweiz, deren militärische Elite leider keine Veranlassung sah, diese Steinwüste hier oben als sicherungswürdiges Gebiet einzustufen. Jeder Mountainbiker büßt das heute mit einer schnuckeligen Schiebepassage über viele Höhenmeter bergab. Nach meinen Aufzeichnungen hat das zwar nur eine knappe dreiviertel Stunden gedauert, aber so recht will sich bei mir auch im Nachhinein keine Freude einstellen. Mag sein, dass andere an diesem verblockten Singletrail ihre Freude finden, für mich reicht die einmalige Erfahrungen aus. Kurz hinter dem Lago Val Viola hat die Qual ein Ende, ich kann wieder fahren und ab der Alpe Campo kann ich es wieder rollen lassen. Jeder vernichtete Höhenmeter ist die reine Freude. In Poschiavo könnte man eine Transalp beenden, meinen manche. Mir leuchtet das bei der persönlichen Bekanntschaft mit diesem Ort nicht so recht ein, schließlich ist man noch mittendrin in den Alpen.
Ich suche mir einen Weg nach Tirano, der möglichst abseits von der Hauptstraße liegt und werde nach Befragen eines einheimischen Radfahrers mit einem guten Tipp belohnt. Den Lago di Poschiavo kann man auch links umfahren und bis dorthin gibt es verschiedene Nebenwege. Hinter dem See muss man die Hauptstraße nutzen. Ich habe keine sinnvolle Alternative gefunden. Das ist auch nicht schlimm, denn die Straße hat meist einen breiten Seitenstreifen, auf dem man unbehelligt fahren kann und da es stramm bergab geht, ist man in gut einer Viertelstunde in Tirano. Mediterranes Klima umfängt mich.
Am Bahnhofsplatz treffe ich David wieder, der schon ein Hotel gefunden hat. Ich komme dort auch unter. Mal sehen, was der morgige Tag bringt. Alles wird gut.
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