Transalp.info by Andreas Albrecht

Rennrad Transalp


4. Tag: Bormio - Passo Foppa (Mortirolo) - Passo Tonale - Passo Campo Carlo Magno - Madonna di Campiglio

opener 350 DSCN5188...denn bei der Auffahrt zum Passo Foppa werde ich keine Möglichkeit haben, irgendetwas einkaufen zu können. Doch zunächst rolle ich nach dem vorhersehbar dürftigen Frühstück das Valtellina hinunter. Vor Le Prese sieht man noch die Spuren des gewaltigen Bergrutsch im Tal der Adda, der in den 1980er Jahren dazu führte, dass der Gaviapass asphaltiert wurde, da die normale Zufahrt nach Bormio verschüttet war. Kurz vor Grosio kommt dann der Abzweig nach links zum Passo Mortirolo oder Foppa oder wie, was?! Der unterschiedliche Sprachgebrauch ist verwirrend. De facto gibt es sowohl den einen als den anderen. Der Passo del Mortirolo liegt jedoch etwas abseits der Hauptstraße, wenn es nach dem Passo della Foppa hinunter nach Monno geht. Der eigentliche Straßenpass ist der Foppa. Der Hotelchef Jim Pini vom legendären "Albergo Sassella" in Grosio hat mir die Zusammenhänge erklärt. Foppa ist wie gesagt die alte, richtige Bezeichnung für den Straßenpass. Als dann der Giro d'Italia einige Male über diesen Pass führte, benutzte ein Reporter aus Unkenntnis den Namen des Passes Mortirolo, der Luftlinie keinen Kilometer entfernt liegt, aber nur auf Schotter zu erreichen ist. Das haben dann alle nachgeplappert und so bürgerte sich im Laufe der Zeit der "falsche" Name für den "richtigen" Pass ein. Durch die offenkundig hochwirksame normative Kraft des Faktischen ist inzwischen auch der Name "Foppa" von den Wegweisern vor Ort verschwunden. Nur oben an der höchsten Stelle findet man an einem Holzpfahl noch den verblichenen Schriftzug, der vom Foppa kündet.
Doch bis dahin liegen noch knapp zwölfhundert Höhenmeter vor mir. Ich bin gespannt, wie lange ich brauchen werde. Nach den Erfahrungen der letzten Tage habe ich mit dem Rennrad eine deutlich höhere Aufstiegsrate als mit dem Mountainbike, was auch logisch ist. Durch die andere Übersetzung beim Rennrad bin ich mir aber nicht sicher, wie lange ich das durchhalten kann. Außerdem habe ich diesmal keine Begleiter zur Aufmunterung. Nur ca. ein halbes Dutzend Autos begegnen mir auf der ganzen Strecke. Doch plötzlich höre ich ein seltsam klackendes Geräusch. Hinter der nächsten Kurve sehe zwei Gestalten; Wanderer, wie ich vermute, doch sie sind schon wieder verschwunden. Nach ein paar engen Spitzkehren sehe ich endlich, was los ist. Zwei Männern kämpfen sich auf Skirollern den Berg hoch. Das Geräusch kommt von den Skistöcken, mit denen sie sich auf dem Asphalt abstoßen. Sie sind ziemlich zügig unterwegs und wollen tatsächlich auch bis zur Passhöhe. Ich bin auf einem etwas flacheren Abschnitt auch nicht wesentlich schneller, schieße ein paar Fotos von ihnen und versichere sie meiner Bewunderung. Sie geben das Kompliment zurück. Dann trennen sich unsere Wege wieder - eine willkommene Abwechslung. Je höher ich komme, desto nebliger wird es. Kein Windhauch, der die feuchte Luft vertreiben könnte. Nur schemenhaft erkenne ich die Bäume um mich herum. Selbst die anfeuernden Aufschriften auf dem Asphalt scheinen zu verblassen. Ivan Basso und Cunego scheinen die Favoriten zu sein. Auch Marco Pantani lebt offenkundig in den Herzen seiner Anhänger weiter. Ich glaube gelesen zu haben, dass diese Cracks nur eine knappe Stunde für die Auffahrt benötigen. Ob mit Doping und/oder Hilfsmotor im Rahmen versteckt lassen wir mal offen. Ich brauche auf jeden Fall schon deutlich länger. Eine Stunde und fünfundvierzig Minuten sind es schließlich. Ich bin zufrieden, mir reicht's - in doppeltem Sinne. Bei der Abfahrt lege ich im ersten Ristorante einen Stopp ein, um mich aufzuwärmen und einen Cappuccino zu trinken. Danach hangele ich mich weiter nach unten, durch den Nebel ist die Straße unangenehm glatt. An der Staatsstraße angekommen, schlägt mir das Gedröhn von Motorrädern entgegen. Die wenigsten nehmen heute den Weg zum Passo Foppa, was mir nur recht ist.

350 DSCN5180 350 DSCN5186 350 DSCN5184

Ich mache eine Pause und muss mit mir selber ausmachen, wie die Route weitergehen soll. Nach rechts und bergab in Richtung Edolo wäre ich dem Verkehr ausgesetzt, wie ich weiß. Nach links geht es zum Passo Tonale, allerdings muss es Nebenwege geben und die kundschafte ich nun aus. Eine zweiter Grund für die Entscheidung "links" statt "rechts" ist die ungewisse Wetterlage. Eine dichte, hochliegende Wolkendecke macht die weitere Entwicklung ungewiss. Wenn ich heute noch über den Tonale fahre, wäre ich im Val di Sole und könnte mein Ziel, den Gardasee, auch bei schlechteren äußeren Bedingungen erreichen - zur Not ganz einfach über den Radweg im Etschtal.
Denn aus Gewichtsgründen habe ich nur eine dünne Regenjacke und sonst nur das Notwendigste dabei, mein Rucksack Deuter Speed Lite 30 wiegt mit Inhalt gerade einmal vier Kilogramm. Also auf zum Passo Tonale, oben werde ich entscheiden, wie weit es heute noch gehen wird. Der Verkehr nimmt zum Glück auch ab und nach ein paar Minuten kann ich nach rechts auf die anvisierte Nebenstrecke ausweichen. So komme ich nahezu geräuschlos bis kurz vor Ponte di Legno, wo ich wieder auf die Staatstraße wechsle. Der Passo Tonale ist wirklich leicht zu fahren. Selbst mit dem Mountainbike konnte ich meist auf dem mittleren Kettenblatt bleiben. Unterwegs will ich mir im "La Roccia" einen Kaffee genehmigen. Als ich die Gaststube betrete, merke ich schnell, dass das heute hier wohl nichts wird. Im typischen italienischen Ausflugslokal ist das Personal gerade mit dem Auftragen der Speisenfolge beschäftigt. Alle wuseln geschäftig hin und her. Da wird sich in absehbarer Zeit wohl keine Hand zum Bedienen des Espressoautomaten finden. Ich mache also kehrt, steige aufs Rad und tröste mich mit dem Gedanken, dass mein "Stamm"-Cafe am Pass sicher geöffnet ist. Das ist es in der Tat, wie ich wenig später feststellen kann. "Vorrei un cappuccino, per favore", sage ich und prompt wird mein Wunsch erfüllt. Im Gastraum ist es heimelig warm, ich checke durch die Fensterscheiben die Wolkendecke. Aha, zum Val di Sole hin gibt es deutliche Aufhellungen. Alles wird gut.
Ich beschließe, heute die Marke von 3000 Höhenmetern zu knacken und bis nach Madonna di Campiglio zu fahren. Vorsichtshalber sende ich Matteo vom "Hotel Arnica" eine SMS und frage ihn, ob er ein Bett für mich hat. Die Antwort kommt prompt und lautet. "Ja." Also los. Der Weg im Val di Sole ist mir ausreichend bekannt. Bis Mezzana bleibe ich auf der Straße, wechsle hier auf den Radweg, bis in Dimaro der finale Aufstieg nach Madonna beginnt. Diese rund neunhundert Höhenmeter bin ich bisher stets auf Schotter und mit dem Mountainbike gefahren. Ich denke mir, so schlimm kann es schon nicht kommen. Es geht so einigermaßen, aber ca. beim Erreichen der 3000 Höhenmeter-Marke kommt dann doch spürbare Unlust bei mir auf. Es zwickt hier, dann zwackt es da im Rücken und so richtig Spaß macht das Sitzen im Sattel auch nicht mehr. Nach oben hin wird es zu meinem Glück zunehmend flacher und endlich erreiche ich den Passo Campo Carlo Magno. Danach geht es nur noch kurz bergab und ich erreiche erleichtert und zufrieden mein Stammhotel "Arnica". Jetzt wird erst einmal gedopt: ein Hefeweizen und ein Grappa. Es wirkt.

04Bormio Madonna

Übernachtungstipps:

Hotel Arnica: Via Cima Tosa 32, I-38086 Madonna di Campiglio    tel +39 0465 442227  www.aristonarnica.it