Transalp.info by Andreas Albrecht

Albrecht-Route

3. Tag: Königsetappe über den Fimberpass und Pass da Costainas

opener 350 opener 1000 opener DSCN1543Strecke: Bodenalpe - Fimber-Pass - Vna - Sent - Scoul - S-charl - Pass da Costainas - Lü - St. Maria im Münstertal
68 km, 1996 hm

Das ist in der Tat eine ordentliche Aufgabe, die heute vor uns liegt. Der Alpenhauptkamm wird zweimal bezwungen. Das sollte man nur bei gutem Wetter riskieren.

3 0 Fimber

3 0 Pass Costainas

Noch ist es kühl, als wir uns an der Bodenalpe auf die Räder schwingen. Die Sonne taucht die Bergspitzen in ein rötliches Licht. Nach und nach ergreift sie auch Besitz vom Tal. Die Schotterpiste ist gut fahrbar, mal mehr, mal weniger steil. An der Schweizer Grenze künden nur die Schilder davon, dass wir nun die Euro-Zone verlassen, zumindest offiziell. Im Engadin ist die europäische Einheitswährung längst als zweites Zahlungsmittel neben dem Schweizer Franken akzeptiert. Mittlerweile gibt es oft auch das Rückgeld in Eurocent. Wir unterbrechen die Fahrt immer wieder durch Fotopausen. Das Morgenlicht ist dazu ideal. Nach einer guten Stunde ist die Heidelberger Hütte erreicht.
Alle Mountainbiker, die hier übernachtet haben, sind schon ausgeflogen. Wir haben den Aufstieg zum Fimber-Pass für uns allein. Der Weg zum Pass erfordert zwar ein paar Schiebepassagen, dauert aber kaum eine Stunde und ist sogar teilweise fahrbar. In vielen Berichten steht folgendes geschrieben: Im Mittelalter sollen über diesen Pass die Toten aus Ischgl zum Friedhof nach Sent im Engadin gebracht worden sein, denn das Paznaun-Tal gehörte jahrhundertelang zur Gemeinde Sent. Im Winter war der Weg unbegehbar. Man ließ deshalb die Leichen einfrieren und brachte sie im Frühjahr in Sent unter die Erde. Klingt gut, oder nicht?
Der Wahrheit kommt wohl folgende Version näher: Die Gemeinde Sent hatte sehr große Weidegebiete im  Paznaun erworben und Ischgl gehörte lange Zeit kirchlich zu Sent. Das mit den Toten ist eine alte Überlieferung. Da sich die Senter nur im Sommer in Ischgl aufhielten, ist es wohl sehr selten vorgekommen, dass die Leichen eingefroren wurden, um sie später zu transportieren. (Quelle: Cla Rauch - Gemeinde Sent). Wie dem auch sei. Am Fimberpass überschreiten wir eine Sprachgrenze. Im Unterengadin spricht man Rätoromanisch. Sie ist die vierte Amtssprache der Schweiz und hat ihre Wurzeln im Lateinischen. Wanderer und Biker grüßen sich mit "Allegra". Der Pass heißt Cuolmen d'Fenga.

350 3 1 Matze 2004Transalp 049 350 3 2 Matze 2004Transalp 050 350 3 3 DSCN1515 350 3 4 Matze 2004Transalp 053 350 3 5 DSCN1525 350 3 6 DSCN1528

Nach und nach treffen alle am Pass ein und sind beeindruckt vom großartigen Panorama, das sich uns bei diesen Wetterbedingungen bietet. Die Abfahrt auf dem weithin einsehbaren Pfad gehört zu den legendären Trails in den Alpen. Wir genießen den anspruchsvollen Single-Trail ins Unterengadin. Bis zur winzigen Alp Chöglias muss man 500 Höhenmeter abwärts je nach Fahrkönnen und Beschaffenheit des Untergrundes einige Teilstücke schieben. Heute hat der Trail den idealen Grip - nicht zu nass und nicht zu trocken. Sogar ich fahre weite Teile. Könner fahren bei guten äußeren Bedingungen fast die gesamte Strecke. Der Pfad ist teilweise ausgewaschen und führt an Abbruchkanten entlang. Bei entsprechender Vorsicht sollte das aber kein Problem darstellen. Später quert man noch eine abenteuerliche Bachbrücke und einen Gletscherbach, erreicht dann einen ruppigen Forstweg bis Griosch.

350 3 7 Matze 2004Transalp 057  350 3 8 DSCN1534 350 3 9 HaPe 2004Transalp 061 350 3 10 HaPe 2004Transalp 065 350 3 12 Matze 2004Transalp 066 350 3 13 DSCN1565

Hier fahren wir weiter auf der guten Naturstraße in Richtung Vna. Kurz vor der Ortslage biegen wir scharf rechts ab in Richtung Kurhaus Val Sinestra. Später teilt sich der Wiesenweg. Der Wegweiser zeigt an, dass der untere linke Weg direkt zum Kurhaus führt. Er wird wenig später zum anspruchsvollen Wurzel-Trail, der an der Abbruchkante des Flusses steil nach unten geht. Aber auch der obere rechte Weg (als Panoramaweg ausgewiesen) führt zum Ziel. Er ist ebenfalls gewürzt mit einigen Wurzelpassagen. Im Großen und Ganzen ein passabler Trail, der einen ab und zu aus dem Sattel zwingt. Nach einer Rechtskurve muss man Obacht geben. Hier ist ein Felsabbruch. Die dadurch entstandene Steilstufe ist ca. 1,50 Meter hoch. Ich würde den Drop nicht riskieren. Ab dem Kurhaus verläuft eine schöne Naturstraße bis Sent, das hoch über dem Inn-Tal mit direktem Blick ins Val d'Uina liegt. Von hier aus geht es mit Höchstgeschwindigkeit die Straße hinab nach Scoul. Eine Rast am Supermarkt im Ortszentrum mit Auffüllung der Vorräte sollte bis 12:15 Uhr erledigt sein. Danach werden zur Siesta die Bürgersteige hochgeklappt.

Die Auffahrt nach S-charl ist eine reine Fleißaufgabe. Der Dorfbrunnen ist ein natürlicher Sammelpunkt. Hier hält auch der Postbus. Wer Kräfte sparen will oder muss, kann seine Fahrräder in Scoul außen am Bus verstauen und sich kutschieren lassen. Ich hatte es HaPe vorgeschlagen, aber sein Ehrgeiz war stärker. Leider hat er seinem Knie damit keinen Gefallen getan. Bei der folgenden Auffahrt zur Alp Astras schwillt es stark an. Nichts geht mehr. Er muss zurück nach Scoul rollen. David überbringt uns an der Alp Astras diese Nachricht. Wir hatten schon besprochen, dass in solchen Fällen eine klare Entscheidung getroffen wird. Per SMS informiert mich HaPe, dass er in Scoul ein Hotelzimmer genommen hat und am nächsten Tag von seiner Nichte mit dem Auto abgeholt wird. Schade, dass er die Tour abbrechen muss, er war ein angenehmer Begleiter.

350 3 14 Matze 2004Transalp 067 350 3 15 DSCN1574 350 3 16 IMG 0130 350 3 17 DSCN1580 350 3 18 DSCN1589 350 3 19 Matze 2004Transalp 074

Von der Terrasse der Alp Astras haben wir einen weiten Blick zurück über die sehr angenehm zu fahrende Strecke. Der Weg führt durch idyllische Bergwiesen mit dem munter murmelnden Bach. Nur ein einziges steileres Stück kann einen aus dem Atem bringen. Die Hochebene zur Alp Astras erweist sich immer wieder als Rennstrecke. Christian und Matze sind die Sieger. Der wunderschöne Trail durch Krüppelkiefern zum Pass da Costainas ist gut fahrbar und ein Traum. Einer aus der Gruppe opfert sich und öffnet und schließt ein Gatter, so dass die restlichen alle von sich sagen können, den Pass komplett fahrend erreicht zu haben. Ich bin immer wieder fasziniert von dieser einzigartigen Möglichkeit, den Alpenhauptkamm fahrenderweise zu bezwingen, ohne dass man auf einer Teerstraße fährt. Wirklich ein Genuss für alle, die ewiges Schieben im unwegsamen Gelände satt haben.
Die Abfahrt beinhaltet gleich zu Beginn ein kurzes, sehr steiles Schotterstück. Leider macht Olaf dabei Bekanntschaft mit dem Untergrund. Eine ausgeprägte Schotterflechte ziert auf dem Rest der Tour seinen rechten Oberarm und auch den Unterschenkel. Als wir die Wiese erreichen, sind die Schwierigkeiten vergessen. Eine Traumabfahrt auf gutem Schotter bis Lü wartet auf uns. Die Sicht ist fantastisch. Der Ortler mit seiner dicken Schneehaube liegt zum Greifen nah vor uns - Fotopause.

350 3 20 Matze 2004Transalp 078 350 3 21 Matze 2004Transalp 080

Kurz nach der Örtchen kreischt meine vordere Scheibenbremse gottserbärmlich. Der Bremsbelag ist komplett abgefahren. Zum Glück hat David passende Ersatzbeläge dabei. Ich war so dusselig, dass vor der Tour nicht zu kontrollieren. Aus seinen eigenen Fehlern lernt man wohl am besten. Das wird mir nicht noch einmal passieren. Die Pasta-Party in der urigen Jugendherberge "Chasa Plaz" kann aufgrund des warmen Spätsommerwetters im Freien stattfinden. Es wird relativ zeitig dunkel., wir sitzen noch lange im Freien zusammen. Das Glühen der Berge zeigt an, dass morgen wieder ein herrlicher Tag auf uns wartet.

Varianten

- nicht nach Sta. Maria runter ins Tal fahren, sondern weiter oben im Münstertal übernachten (Lü, Tschierv), ab Lü dazu immer dem MTB-Weg 444 folgen (ist jetzt Bestandteil der aktuellen Hauptroute)
- bei Schneegefahr auf dem Fimber-Pass im Inn-Tal bleiben und via Pfunds, Martina auf dem Inn-Radweg bis Scuol.
- Hotelgäste in der Region Ischgl erhalten ab einer Nächtigung gratis die Silvrettacard. Die wird vom Hotel (z.B. Bodenalpe) ausgestellt. Damit ist es zum Beispiel im Fall schlechten Wetters möglich, auf Transalp mit der Seilbahn über das Idjoch nach Samnaun weiterzukommen, wenn es über den Fimberpass nicht möglich sein sollte (Schnee, Starkregen mit Gewitter). Früher musste man umdrehen und die große Schleife zurück über Landeck drehen und dann weiter durchs Inntal (ist mir schon passiert).

Übernachtungstipps

Tschierv

Hotel Al Rom,  (das ehemalige Hotel Staila): Biker sind dort herzlich willkommen. Bei Ankunft wird das Fahrrad gereinigt und dann in die abschliessbare Bikegarage gestellt. Bei direkter Buchung unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! wird sogar die Wäsche gratis gereinigt (gilt nicht bei Buchung über Online-Portale). Direkt an der Ofenpass-Strasse gelegen.

Sta. Maria im Münstertal

Chasa Jaro: Janine Hofer bietet drei Doppelbettzimmer in einem sehr alten Haus an (ca. 800 Jahre), welches liebevoll restauriert ist. Alle Zimmer sind alte Holzstuben. Ein sehr modernes Badezimmer und Gäste WC muss man sich zwar mit evtl. anderen Bewohnern teilen, da es aber nur drei Zimmer sind, ist die Anzahl der Gäste überschaubar. (Tipp von Karsten Voß)
www.chasa-jaro.ch

weitere siehe Detailinfos