Transalp.info by Andreas Albrecht

Albrecht-Route

5. Tag: Valle di Rezzalo, Gavia

opener 350 5 Gavia 085Strecke: Grosio - Le Prese - Fumero - Val di Rezzalo - Passo dell' Alpe - Gavia-Pass - Ponte di Legno
50 km, 2254 hm

Ein banger Blick am Morgen zum Himmel. Wolkenschleier hängen am Himmel. Talabwärts ist eine dunkle Wolkenformation zu sehen, die anscheinend langsam näher kommt. Sollte uns das Wetterglück verlassen? Ich berate mich mit David, der sich ebenfalls mit den Wetteranzeichen in den Alpen auskennt. Wir analysieren die Lage: kein starker Wind, kein starkes Absinken der Temperaturen über Nacht, der Luftdruck ist in etwa gleich geblieben. Nichts deutet auf einen gravierenden Umschwung der Wetterlage hin. Bei schlechten äußeren Bedingungen würde ich auf keinen Fall über das Valle di Rezzalo zum Gavia-Pass fahren. Als wir ca. zwei Kilometer nach Grosio den Abzweig zum Passo Foppa erreichen, schieben sich die ersten Berggipfel durch die Wolken, die sich nach und nach als Hochnebel entpuppen. Keine Frage mehr, wir fahren zum Valle di Rezzalo. Per email hatte ich vorsorglich unsere Durchreise bei Alessandro, dem Hüttenwirt von La Baita angekündigt. Unterwegs überholt uns Alessandro im Auto. Offensichtlich ist er auf dem Weg zur Berghütte. Wir werden also erwartet. In Le Prese beginnt die steile, aber gut fahrbare Auffahrt nach Fumero. Die Sonne hat die letzten Nebelschwaden vertrieben und heizt uns tüchtig ein. Wasserstellen gibt es unterwegs genug. Am Ortsende von Fumero ist ein Parkplatz und die Schotterstrecke beginnt. Wir warten, bis die letzten eintrudeln. Uli hat es langsam angehen lassen und erreicht diesmal als letzter den Treffpunkt. Er ist aber offensichtlich gut eingerollt und mit einem erfrischenden. "Auf geht's, Jungs!" rollt er ohne Pause weiter. Seine Leistungsfähigkeit setzt uns immer wieder in Erstaunen. Schnell beginnen die Steilstücke, die mit groben Steinplatten gepflastert sind. Die Zwischenräume sind zwar durch Kies und Sand zugespült, es ist trotzdem ein zähes Fahren. Ich suche trotzdem soweit es geht, den schmalen Streifen am Rand, der mit dem Mountainbike besser zu befahren ist. Eine dreiviertel Stunde quält man sich ein bisschen. Dann öffnet sich das Hochtal bei San Bernardo. Es ist immer wieder eine Offenbarung, dass es so etwas Schönes gibt. In einer Höhe von 1800-1900 Metern liegen einzelne Gehöfte verstreut im Tal. Strommasten sucht man vergeblich. Vereinzelt wird noch ein wenig Landwirtschaft betrieben. Viele der alten Hütten sind in der letzten Zeit behutsam instand gesetzt worden und dienen als Wochenendhäuschen oder Sommerfrische für die Städter aus dem Tal.

350 DSCN1736Die Terrasse von "La Baita" liegt in der Sonne, wir schlürfen Latte Macchiato und genießen den selbstgemachten Heidelbeerkuchen. Ich freue mich, Alessandro wiederzusehen. Wir tauschen in einem Gemisch aus Deutsch und Italienisch Erinnerungen aus und was sich im Sommer so alles im Tal getan hat. Er betreibt die einzige Übernachtungsmöglichkeit für durchreisende Transalpler im Tal. Strom gewinnt er durch ein kleinen Generator, der durch Wasserkraft betrieben wird. Seit einigen Jahren kommen immer mehr Urlauber ins Tal, angeregt durch die verschiedenen Tourberichte im Internet. Wer hier übernachten will, sollte unbedingt vorher per email reservieren (www.rezzalovacanze.com) oder einen Tag vorher anrufen, da die Hütte nicht immer besetzt ist. Bei der Tourplanung ist es für mich immer eine schwere Entscheidung, soll ich nun in Grosio oder in "La Baita" übernachten. Beide Orte haben ihre speziellen Reize. Leider liegen sie so dicht nebeneinander, dass man sich für eine von beiden Möglichkeiten entscheiden muss. Bei Touren in den folgenden Jahr habe ich mich zur Abwechslung immer wieder einmal für "La Baita" entscheiden - eine gute Wahl. Als wir bei Alessandro bezahlen wollen, winkt er nur ab: "Mille gracie per pubblicita!", sagt er zu mir. Ich bedanke und verabschiede mich für dieses Mal. Frisch gestärkt machen wir uns an die Auffahrt. Aus militärischen Gründen wurde einst die Trasse angelegt, die bis zu den letzten Gehöften in einer Höhe von ca. 2200 Metern auch noch regelmäßig instand gehalten wird. Je nach Kondition und Schwere des Rucksacks wird man im ersten Steilstück ein paar Schiebestücke einlegen. Wie nicht anders zu erwarten, bleiben Matze und Christian bis weit über das zweite Plateau hinaus im Sattel. Nach der zweiten Brücke ist aber für alle Schluss. Der Weg wird zu steil und führt teilweise über den blanken Fels. Da geht nichts mehr, außer gemütlich das Rad zu schieben und die Aussicht auf die Gletscher des Gavia-Massives zu genießen, so lange diese noch vorhanden sind. Uli hatte angekündigt, dass er wieder eine kleine Badepause im eiskalten Bergbach einlegen will. Diesmal hat er sogar extra ein Thermometer mit, 6° Celsius zeigt es an. Er ist schon ein verrückter Hund. Das allerletzte Stück zum Passo dell'Alpe ist wieder fahrbar.

350 5 1 DSCN1733 350 5 2 Matze 2004Transalp 101 350 5 3 DSCN1742 350 5 4 DSCN1746 350 DSCN1751 350 5 5 DSCN1757

Die Sonne scheint, es weht aber ein kühler Wind. Keiner hält sich deshalb lange auf. Wir rasten dafür ausgiebig nach der Passhöhe in einer windgeschützten Senke in der Nähe eines Gletscherbaches. Kein anderer Mensch ist zu sehen. Umso mehr sind wir verwundert, plötzlich das Lärmen eines Hubschrauber zu hören. Ein paar hundert Meter entfernt, fliegt er in unserer Augenhöhe vorbei. Gleich ist jedoch wieder Stille um uns, nur ab und zu unterbrochen durch das Pfeifen der Murmeltiere. Nur langsam können wir uns entschließen aufzubrechen. Solche schönen Tage weit oben in den Bergen sind selten und man sollte sie genießen. Schließlich rollen wir doch hinab zur Gaviapass-Straße. Hier beginnt die leichte Auffahrt auf Asphalt bis zum Rifugio Berni an der Passhöhe. Jeder tritt sein Tempo. Kurz vor dem Ziel wird die Straße bei den Seen relativ flach. Das ist immer ein Signal für ein kleines Wettrennen, wenn zwei Mountainbiker nicht weit auseinander liegen. Ich trete an, Olaf liegt in meinem Windschatten und will vorbeiziehen. Ich denke mal, lass ihn den Punkt für die Bergwertung holen und will ihn abklatschen. Er versteht es offensichtlich als Zeichen, gemeinsam einzurollen, was wir dann auch tun.
Vor dem Berggasthaus räkeln wir uns wir in der knallenden Sonne, umgeben von stolzen Bezwingern der Passhöhe: Rennradlern, Cabriofans und die unvermeidlichen Motorradfahrern, die meist in schwarzen Lederkombis und im Konvoi unterwegs sind. Die Abfahrt vom Pass beginnt mit der rasanten Fahrt durch eine Mondlandschaft. Riesige Steinblöcke liegen links und rechts der Straße. Am Tunnel, den wir rechts umfahren, genießen wir kurz das Feeling des alten Schotterpasses, der der Gavia war, bis er in den 1980er Jahren asphaltiert wurde. Ein gewaltiger Erdrutsch blockierte damals die Straße nach Bormio. Der Gavia-Pass war die einzige Zufahrtsmöglichkeit von Süden her. David kennt ihn noch im ursprünglichen Zustand. Damals war er allerdings mit dem Motorrad unterwegs. Am Felsen studieren wir die Inschrift einer Gedenktafel. Im Jahre 1954 sind hier 54 Alpini ums Leben gekommen waren. Der Fahrer eines Militärlasters verlor damals die Kontrolle über sein Fahrzeug und riss die jungen Soldaten in den Tod. Frische Blumen zeugen davon, dass ihrer noch gedacht wird.
Nachdenklich schauen wir in die einige hundert Meter tiefe Schlucht, ehe wir weiterfahren. Auf dieser Seite des Gaviapasses ist die Straße stellenweise so schmal, dass nur ein Auto passieren könnte. Im unteren Teil wird die Straße dann breiter und wir heizen mit High-Speed ins Tal. Bei der Albergo Pietrarossa sammeln wir uns wieder, das Eisessen verschieben wir auf Ponte di Legno. Vorher checken wir noch im Hotel "Frigidolfo" ein, damals dem einzigen in dieser Gegend. Inzwischen gibt es in Pezzo das "Da Guisy" mit 3 Zimmern, in den bis 14 Biker unterkommen können. Dort kann man auch am Abend essen gehen. Auf jeden Fall die bessere Alternative. Morgen ist der Montozzo angesagt. wird das Wetter halten?

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05 da guisy DSC00460Varianten

- ab Grosio über den Passo Foppa (jetzt meist Mortirolo genannt und auch so ausgeschildert) auf kaum befahrener Nebenstraße und weiter auf landschaftlich überragender Strecke via Col Carette nach Vezza d'Oglio. Im Valcamonica schöner Radweg nach Ponte di Legno - die Variante über den Passo Foppa/Passo Mortirolo wird dadurch deutlich aufgewertet.
-  das trifft auch zu durch die neue Variante, die ich in die Albrecht-Route v2 integriert habe. (ab Col Carette schöne Schotter- und Trailabfahrt via Val Bighera ins Val Grande oberhalb von Vezza d'Oglio. Weiter auf Karrenwegen zur Chiesa S. Clemente und dann zum neuen Radweg nach Ponte di Legno)

Übernachtungstipps

Ponte di Legno: Hotel Raggio di Luce, Chefin Carla spricht perfekt deutsch, sichere Bikegarage mit Waschmöglichkeit, Wäscheservice

siehe auch Detailinfos