Transalp.info by Andreas Albrecht

Albrecht-Route

6. Tag: Montozzo

opener 350 6 10 DSCN1804Strecke: Ponte di Legno (Precasaglio) - Pezzo - Montozzo - Pejo - Fucine - Val di Sole - Dimaro - Madonna di Campiglio
64km, 2217 hm

Wieder ist es am Morgen diesig in den Bergen, aber eindeutig ist es nur Hochnebel. Keine zwei Sekunden brauche ich zu überlegen, um zu wissen, dass heute die Straßenauffahrt zum Passo Tonale nicht die erste Wahl sein wird. Rund 1200 Höhenmeter bis zur Montozzo-Scharte warten auf uns, die allermeisten fahrbar auf einer alten Militärstraße. Doch zunächst geht es ein Stück zurück des Weges, den wir gestern vom Gavia-Pass heruntergerollt sind. Bald zweigen wir nach Pezzo ab, passieren das verschlafene Bergdorf und erreichen schnell Case di Viso. Hier endet die Straße und die Schotterpiste beginnt. Die langgezogenen Serpentinen zeichnen sich deutlich am Berghang ab. Zunächst moderat ansteigend und gut fahrbar kommen dann bald ein paar steilere Stellen, die manch einen kurz aus dem Sattel zwingen. Die Sonne verbirgt sich hinter den Nebelschleiern. Das ist uns recht. Ich bin im Jahr 2000 in der prallen Sonne gefahren. Das war nicht das reine Vergnügen. Bis zum Rifugio Bozzi al Montozzo zieht sich das Feld weit auseinander. Matze zieht durch, wahrscheinlich wieder auf dem großen Kettenblatt. Das Rifugio liegt auf einem kleinen Sattel mit traumhafter Aussicht auf die Berge und bald auch ins Tal, denn die Nebel verziehen sich just in dem Moment, als wir alle wieder beisammen sind. Wir machen eine ausgedehnte Pause und besichtigen die Überreste der alten Stellungen und Kriegsbauten. Was hier oben verteidigt werden sollte, will sich mir zum wiederholten Mal nicht erschließen. Die Verteidigungslinien zogen sich hinüber bis zum Passo Tonale, der alte Weg über den Passo dei Contrabbandierri ist noch vorhanden und wäre auch mal eine Erkundung wert. Heute aber nicht, denn eins ist klar; bei diesen hervorragenden Bedingungen kann es nur einen Weg geben, den über die Forcellina di Montozzo.
Meine Gedanken gehen ein paar Jahre zurück. Im September 2000 stand ich schon mal dort oben. Just in dem Moment, als wir die Scharte erreichten, brach ein Gewitter mit Hagelschauern los. Der Regen verwandelte die Schotterpiste in einen Sturzbach. Total verdreckt und durchnässt suchten wir in Pejo Zuflucht in einem Hotel. Ähnliche Wetterkapriolen sollten sich wiederholen, als ich mit Roland Schymik zu Dreharbeiten für die DVD "Abenteuer Alpencross 2 - Die Albrecht-Route" unterwegs waren. Wir übernachteten damals im Rifugio Bozzi und fanden am Morgen eine leichte Schneedecke vor - und das im Juli. Schaut euch das Bild an - Wintersachen sollte man also immer dabei haben - selbst im Hochsommer. Bei dieser Tour ist der Wettergott auf unserer Seite. Die Sonne hat alle Nebelfetzen längst verjagt. Lachend stemmen wir unsere Bikes die letzten Metern hoch.

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An der Montozzo-Scharte haben sich Überreste von Schützengräben erhalten. Eine kleine Gedenktafel erinnert an die sinnlosen Opfer dieses Gebirgskrieges. Wir halten inne und lassen das grandiose Panorama der Cevedale-Gruppe auf uns wirken. Weit über 3500 Meter sind die Berge hier hoch. Die Sicht ist unglaublich klar, der Himmel stahlblau. Der Trail ist vom höchsten Punkt beginnend gut fahrbar. Ein paar Mal queren wir kleine Bäche, die nicht viel Wasser führen. Nach einer kleinen Almhütte wird der Weg steiler. Von einem Felsplateau öffnet sich plötzlich der Blick auf den türkisblauen Lago di Pian Palu, der rund 500 Höhenmeter tiefer im Talkessel des Valle del Monte liegt. Der Singletrail bis dorthin ist ein Genuss für alle Fahrtechniker.
Der Weg 111 gabelt sich bei ca. 2150 Metern. Links oder rechts? Egal, beide führen zum Stausee und haben ihre speziellen Reize. Wir nehmen diesmal den rechten Abzweig, überqueren noch ein paar Bäche und genießen die anspruchsvollen Single-Trials.


Hinweis: Der rechte Abzweig ist seit 2016 für Wanderer reserviert - siehe auch News zur Albrecht-Route.


Matze fährt vorneweg und wartet an einer sonnigen Stelle, damit alle aufschließen können. Es dauert eine Weile. Dann kommt Reiner. Er hat einen kleinen Überschlag hinter sich. Der Helm verhütet Schlimmeres. Wir begutachten die Delle im Material. Ohne Kopfschutz hätte das Böse ausgehen können. Olaf und David fehlen noch immer. Matze und ich laufen schließlich ein Stück zurück. Doch kein Grund zur Sorge. Olaf hat eine Bachquerung genutzt und seine Schürfwunde am Bein ausgewaschen. Als wir die Staumauer erreichen, liegen alle kniffligen Stellen endgültig hinter uns. Ein Angler zieht gerade eine große Forelle aus dem Wasser: "Buon appetito!", rufe ich ihm zu. Wir schauen eine Weile seinen Bemühungen zu, den Fisch aus dem Wasser zu bringen.

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Schließlich fahren wir los. Bis zur Fontanino di Pejo geht es eine gute Schotterstraße abwärts. An der heiligen Quelle füllen die Einheimischen das Wasser in große Kanister ab. Ihm werden heilende Kräfte zugeschrieben. Die Straße wird langsam zur Asphaltpiste. In Pejo halten wir kurz an. Ich schlage vor, dass wir die folgende Straßenpassage schnell hinter uns bringen. Es sind nur wenige Autos unterwegs. Der Wind kommt straff von vorn, wie oft in den Bergtälern. Auf halber Strecke bis Fucine zweigt nach rechts ein Radweg ab, der rasch an Höhe verliert. Er führt direkt zum Radweg im Val di Sole. Auf diesem ziehen wir durch bis Dimaro. Olaf und ich geben uns abwechselnd Windschatten, so dass wir in Windeseile da sind. Es ist früher Nachmittag, der Supermarkt noch zu. Zeit für eine Rast. Die Sonne brennt heiß. Wir essen im Schatten ein paar Kleinigkeiten, den es liegen noch reichlich 800 Höhenmeter im Anstieg vor uns. Am Ortsausgang verlassen wir die Straße. Der MTB-Weg geht geradeaus weiter nach Madonna di Campiglio. An der Flanke der Brenta entlang bieten sich von Zeit zu Zeit herrliche Ausblicke auf die Felsentürme der Gebirgsgruppe, sofern man zwischen Treten, Schwitzen und Luftholen Zeit und Lust empfindet, den Blick schweifen zu lassen. Man schreibt es englischen Bergfreunden zu, dass von der Brenta aus sich der alpinistische Tourismus entwickeln konnte. Durch eine Vielzahl von Klettersteigen gehört der Bergstock zu einem der am besten erschlossenen alpinen Wandergebiete. Mittlerweile hat sich auch der MTB-Tourismus etabliert. Die Wegmarkierungen sind inzwischen eindeutig; immer den Schildern Richtung MTB-Madonna folgen. Der Weg führt m Rand eines Canyons entlang, den wir auf einer überdachten Holzbrücke überqueren. Zeit für ein kurzes Verschnaufen. Dann wird der Weg flacher und bleibt im Schatten der Bäume bei sehr angenehmen Temperaturen. Dann folgen noch ein paar steilere Abschnitte, bis man in die Nähe der Autostraße gerät. Jetzt ist es bald geschafft.

350 6ragazziAn der Malga Mondifra füllen wir zum letzten Mal Wasser in die Trinkflaschen. Bei der Unterquerung eines kleinen Liftes ist der höchste Punkt erreicht und es geht nur noch abwärts. Das Hotel "Arnica" meines Freundes Matteos liegt mitten im Ortszentrum von Madonna di Campiglio. Matteo ist gerade mit den Planungen für seinen ersten Transalp beschäftigt. Da komme ich ihm gerade recht. Ich empfehle ihm unsere gerade eben gefahrene Strecke. Einer seiner Begleiter kommt noch dazu und ich zeige ihnen anhand meiner gescannten Karten die Route. Der Einfachheit halber überlasse ich ihnen gleich die Blätter und wünsche ihnen viel Glück und gutes Wetter für ihre Tour. Das hat geholfen. Nach gelungener Transalp schickte mir Matteo ein Foto vom Pass da Costainas. Wir lassen den Tag in einer Pizzeria ausklingen, nehmen noch einen Absacker an der Bar unseres Hotels und verkrümeln uns zeitig ins Bett.

Variante

- ab Ponte di Legno Straße oder Seilbahn zum Passo Tonale

Übernachtungstipps

siehe Detailinfos