Transalp.info by Andreas Albrecht

Heckmair à la Albrecht


3. Tag: Aus der Schweiz nach Italien

04 scaletta 350 DSCN4996Heute müssen wir spätestens in Davos die Entscheidung fällen, bei dieser Tour über den Scaletta-Pass zu fahren oder uns eine Ausweichroute zu suchen. Alle Erkundigungen unterwegs sowie meine eigenen Einschätzung der Schneelage lassen mich stark zweifeln, ob wir das Wagnis angehen sollen. Doch noch sitzen wir beim Frühstück und lassen uns den Bergkäse munden, bevor wir uns auf die Räder schwingen. Zur Einstimmung geht es den Schlappintobel steil hinab nach Klosters-Dorf. Wir folgen der Radroute nach Klosters-Platz, passieren den Bahnhof und müssen kurz auf die stark befahrene Straße nach Davos wechseln. In einer Linkskurve zweigt jetzt der ausgeschilderte MTB-Weg in diese Richtung ab. Wir unterqueren die Bahnlinie und haben mit teils heftig steilen Stücken zu kämpfen. Vorbei an Laret folgen wir dem Weg bis nach Wolfgang. Hier rollen wir dann die Straße hinein nach Davos. Wenn mal will, kann man dann am See entlang radeln. In der Tourist-Information im Zentrum von Davos frage ich zum letzten Male, ob man was über den Scaletta-Pass wisse. Eine freundliche junge Dame sagt mir, dass vor drei Tagen ein Mountainbiker berichtet hätte, dass zwar Biker über den 2600 m hohen Pass gegangen seien, dort aber nach wie vor sehr viel Schnee liege. Damit ist für David und mich die Entscheidung gefallen. Bikegeschleppe über ausgedehnte Schneefelder im hochalpinen Bereich ist das letzte Risiko, was wir aufgrund unserer Erfahrungen eingehen würden. Damit ist auch der Pass Chaschauna tabu.
Die Ausweichvariante ist schnell ausgemacht: Über den Flüela-Pass und weiter in Richtung Ofen-Pass führt eine parallele Variante über die Straße. Der Autoverkehr hält sich in Grenzen. Die Auffahrt zum Flüela ist unproblematisch, nach einer reichlichen Stunde sind wir oben. Es ist deutlich kälter und Schneereste überall, wohin das Auge blickt. Nur eine kurze Pause, damit wir nicht kalt werden, und hinunter geht es nach Susch. Bei der Abfahrt versägen wir erst mal die allseits beliebten Busse der europaweit agierenden Reise-Mafia. Beim Wasserfassen am Abzweig nach Zernez erfreuen wir uns an der langen Autoschlange, die sich dahinter gebildet hat. Weiter rollen wir zügig auf der Straße. Wir ignorieren den Radweg, da wir heute auf jeden Fall in Italien landen wollen. In Zernez beginnt die Auffahrt zum Ofen-Pass. Heute sind einige Rennradler unterwegs, die am Berg zügig an uns vorbeiziehen. In den umliegenden Bergen braut sich der nachmittägliche Regenguss zusammen. Er erwischt uns noch nicht, wir rollen nur bei der Abfahrt zum Punt la Drossa über regennasse dampfende Straßen.

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Am Grenztunnel nach Livigno beratschlagen wir, was zu tun sei. Mir ist zunächst nicht klar, ob der Tunnel für Radfahrer freigegeben ist. Ursprünglich dachte ich, dass wir über die Berge nach Livigno müssten. Zwei einheimische Mountainbiker kommen gerade vorbei und ich frage sie, was Sache ist. Der Tunnel ist für Radfahrer frei und der Weg über die Berge verboten, da er durch den Schweizer Nationalpark führt. Die Ampel schaltet gerade auf Grün und die Autoschlange setzt sich in Bewegung. Wir zum Schluss hinterher, sogar ein Radweg ist auf der einspurigen Straße markiert. David legt auf der sachte ansteigenden Straße ein solides Tempo vor; ich hechle hinterher und versuche Anschluss zu halten, was mir nicht ganz gelingt. Alle 1000 Meter sind Gebläse an der Decke installiert, um die Abgase aus dem Tunnel zu befördern. Unangenehm kühl weht es uns an diesen Stellen entgegen. Nach einer knappen Viertelstunde sind wir draußen und froh, am Punt dal Gall wieder frische Luft atmen zu können.


Achtung: Seit 2008 darf der Tunnel nicht mehr mit dem Rad befahren werden. Es existiert ein kostenpflichtiger Busshuttle für Fahrräder.


Wir radeln über die Staumauer des Lago Livigno zum Grenzübergang und sind in Italien. Noch ein paar Kilometer liegen auf der Uferstraße vor uns. Diese besteht fast durchgängig aus Galerien. Wir müssen die gesamte Länge des Stausees abfahren, dann auf einem Wanderweg noch ein Stück um den See herum. Die Ortslage von Livigno müssen wir nicht durchfahren, sondern gleich am See-Ende eine Holzbrücke überqueren. Ein breiter Rad- und Wanderweg führt uns in Richtung Val di Alpisella. Über den gleichnamigen Passo wollen wir heute auch noch drüber. Am Rifugio machen wir Rast, um uns für den finalen Aufstieg zu stärken.

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Das ist auch notwendig, denn die bestens gepflegte Rad- und Wanderstrecke zum Passo di Alpisella ist teilweise über 20% steil. Mit dem Rucksack auf dem Kreuz und schon über 2000 Höhenmetern in den Beinen ziehen wir es vor, ab und an zu schieben, was nicht wesentlich langsamer ist. Unterwegs holen wir einen einzelnen Mountainbiker ein, der anscheinend auch auf großer Tour ist, sich aber als wenig gesprächig erweist. Na dann eben nicht. Kurz nach 17 Uhr sind wir an der Passhöhe bei knapp 2300 m und ich denke, jetzt radeln wir nur noch entspannt runter zum Lago Cancano und nehmen die erstbeste Unterkunft, von denen es dort einige gibt. Doch wir haben nicht bedacht, dass heute Samstag ist und da zieht es viele Einheimische in die Berge, meist mit dicken Geländewagen; zu viel Bewegung ist gar nicht gut.

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Ich kenne die Gegend in- und auswendig, weil meine Lieblings-Transalp hier entlang führt, so dass keine Hektik aufkommt, als es im zweiten Anlauf auch im Rifugio Fraele nicht klappt: alles "tutto completto". Der Wirt ist ausgesprochen nett und ruft alle umliegenden Herbergen an und wird schließlich in Arnoga fündig. Nur gut, dass meine paar italienischen Brocken ausreichen, um mich einerseits verständlich zu machen und andererseits zu verstehen, dass für uns im "Li Arnoga" nun ein Zimmer reserviert ist. Ich bedanke mich herzlich und flugs geht es weiter. Wir werden heute die 100-km-Marke knacken, so viel ist gewiss. Knapp 20 km haben wir noch vor uns. Zum Glück verläuft der größte Teil davon nahezu höhengleich auf der alten Straße "Decouville" . Es wird ein Wettrennen mit dem Regen. Wenn ein wunderschöner Regenbogen mich nicht zum Fotografieren aufgefordert hätte, wären wir knapp Sieger geworden. So erwischen uns auf den letzten Metern ein paar Tropfen. Im Hotel ist alles klar, man erwartet uns schon. Die Räder werden in der riesigen Tiefgarage sicher verstaut. Wir beziehen ein geschmackvoll eingerichtetes Mansardenzimmer, duschen uns und wechseln in die Abendgarderobe. Das beste Abendessen auf der gesamten Tour wartet auf uns, wie wir gleich mit Vergnügen feststellen werden. Es ist proppenvoll im Restaurant; als Hausgäste bekommen wir aber sofort einen Zweiertisch. Im Halbpensionspreis ist das Abendessen a la carte eingeschlossen. Wir stellen uns aus der umfangreichen Speisekarte ein feines italienisches Menü zusammen und schlemmen wie die Könige. Logisch, ein Grappa zum Abschluss muss sein. Wen also die Routenplanung dorthin verschlägt, sollte nicht lange zu überlegen. Das Hotel "Li Arnoga"(www.arnoga.it) ist allererste Sahne.

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empfohlene Vorzugsvariante: Scalettapass und Pass da Chaschauna

Bei gutem Wetter und wenn nicht zuviel Schnee auf den Pässen liegen sollte, sind diese Übergänge natürlich allererste Wahl. Siehe auch den Tourbericht Schweizroute (4. und 5. Tag).

Impressionen Scalettapass

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Impressionen Pass Chaschauna

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Übernachtungstipps:

Hotel "Li Arnoga"(www.arnoga.it)