Transalp.info by Andreas Albrecht

Heckmair à la Albrecht


5. Tag: Hochgebirgswandern

wandern 350 DSCN5049Mehr oder minder gestärkt nach dem italienischen Frühstück ziehen wir weiter. Parallel zur Hauptstraße geht es durch kleine Gassen kurz bergab bis auf ca. 940 Meter. Dann biegen wir links ab, erwischen durch Befragen eines Einheimischen einen uralten Karrenweg, der uns ins Tal bringt, indem der Lago Belviso liegt. Die Straße wird gleich zur Schotterpisten und immer steiler, bis wir an der Staumauer das heftigste Stücke wischen. Gerade ist eine Wandergruppe mit unzähligen Autos angekommen, die sich nun startklar für eine Wanderung am paradiesisch gelegenen See machen. Uns bleibt nichts anderes übrig also so zu tun, als ob dieser Anstieg die leichteste Übung für uns ist. Mit etwas gequältem Lächeln ziehen wir vorbei und können uns auf dem Weg, der am See entlang führt, erst mal entspannen. Am Ende des Sees zweigt nach links das Val Campo ab. Die Orientierung ist hier nicht ganz eindeutig. Das Schild gibt den Weg 311 Richtung Malga Demignone an. Von Malga di Campo, wo wir hin wollen, steht gar nichts. Der Weg wird gleich sehr steil und dient als Zubringer für die Almen. Zum Glück kommt mir ein Jeep entgegen und ich kann nach den Weg fragen. Zur Malga Campo geht es bei der nächsten Weggabel geradeaus und dann über eine kleine Brücke. Kurz danach passiert man zwei Steinhütten. Der Forstweg bleibt bis zur Malga sehr steil und ist nur teilweise fahrbar. Konditionstiere werden es komplett schaffen.
Die Malga di Campo liegt auf einer kleinen Hochebene und wird bewirtschaftet. Ein paar Hunde begrüßen uns als Abwechslung in der Einsamkeit. Einer knurrt ein wenig, die anderen schnüffeln an uns rum, wahrscheinlich wegen des strengen Wildgeruchs. Auch der Bauer erscheint auf der Bildfläche und die Hunde werden ruhiger. Sein Alter ist schwer einzuschätzen. Sein Gesicht ist sonnengegerbt und zeugt von der schweren Arbeit hier oben.

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 Er freut sich offensichtlich über die Abwechslung und ich bin auch froh, einen kleinen Plausch zu machen und mich nach dem weiteren Weg zum Passo del Venerocolo erkundigen zu können. Als deutlichen Einschnitt in der Bergkette haben wir ihn schon ausmachen können, auch die Schneefelder, die auf uns warten. "Sempre destra", "immer rechts halten", gibt er mir als Rat mit auf den Weg. Bis zum Talschluss können wir auf dem Almweg gerade so fahren, dann ist Schluss mit lustig. Wir müssen ein erstes Schneefeld überwinden. Der Pfad zum Pass ist als solcher überhaupt nicht zu erkennen, was eigentlich untypisch ist. Wir entdecken dann doch Markierungen auf den Steinen, die wir wieder verlieren und wuchten unsere Räder eine verblockte sehr steile Wiese nach oben. Der Weg bleibt verschwunden. Zum Glück ist uns klar, wo wir hin müssen, da wir den Pass sehen. Mit äußerster Vorsicht überqueren wir eine schneegefüllte Rinne und arbeiten uns durch ein Labyrinth aus mannshohen Felsblöcken hindurch. Plötzlich sehen wir wieder die Markierungen. Wir sind wieder auf dem Pfad und sehr erleichtert. Wie jetzt unschwer zu erkennen ist, verläuft der Weg vom Talschluss so ziemlich in der Direttissima zur Passhöhe. Zur Zeit ist er halt leider durch Schneefelder verdeckt. Ein solches wartet noch auf uns. Es ist einigermaßen passierbar, da nicht so steil und aus festem Schnee.

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Am Pass sitzt ein Wanderehepaar und macht Rast. Endlich sind wir oben und grüßen erst mal freundlich mit "Buon giorno!" Der Mann fragt gleich nach dem Woher und Wohin, was mir sehr Recht ist, um an Informationen über unseren weiteren Weg zu gelangen. Seine Frau fragt, ob wir Deutsche seien und hängt noch eine Bemerkung an. Ich vermute, es könnte etwas mit "verrückt, übergeschnappt" zu tun haben. Vielleicht hat sie nicht ganz Unrecht, denn am Ende dieser Etappe werden wir uns fragen, warum wir uns das immer wieder antun. Alles in allem hat der Aufstieg "nur" rund 75 Minuten gedauert. Uns kam es viel, viel länger vor. Zunächst verdrücken David und ich unser zweites Frühstück und peilen dann die Lage. Hinter dem Pass liegt ein kleiner See, auf dem noch Eisschollen schwimmen. Der Weg gabelt sich. Bei der Planung nach Kartenlage (Kompass Nr. 94) hatte ich mich für den Weg 416 entschieden, der über den Passo del Gatto zum Passo Vivione führt. Da er sich scheinbar an den Bergflanken entlang schlängelt, hegte ich die Vermutung, es könnte eine alter Militärweg sein, die oft fahrbar sind. Ich musste nun feststellen: Es irrt der Mensch, so lang er strebt. Wenigsten wandern wir beide nun durch einsame Hochgebirgslandschaften und das Fahrrad lässt sich ganz leidlich schieben. Aus einer kleinen Felsspalte am Passo del Gatto lächelt mich eine kleine Madonnenstatue an. Sie scheint mir zu zuflüstern: "Der Herr behüte dich auf deinen Wegen, auch den irrigen!" Amen!

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Irgendwann hat die Wanderschaft am Passo Vivione ein Ende, die letzten 20 Höhenmeter können wir sogar wieder fahren; wie schön! Zu allem Überfluss beginnt sich die Regenwolke zu entladen, die sich in den letzten Stunden aufgebaut hat und hinter uns hergezogen ist. Wir überlegen nicht lange, ziehen die Regenklamotten an und fahren ins Valle Camonica ab. Bald müssen wir doch eine Regenpause einlegen. Das gibt mir Gelegenheit, über eine sinnvollere Strecke nach dem Passo Venerocolo nachzudenken (Das Ergebnis des Nachdenkens und Recherchierens findet sich in der unten beschriebenen Variante).
Bei der Abfahrt hört es bald auf zu regnen. Wir ziehen in Forne Allione unser Regenzeug aus, trinken einen Cappuccino und beratschlagen kurz, wie weit wir heute noch fahren wollen. Ein Stückchen rollen wir noch die Straße Richtung Breno hinunter, dem starken Verkehr ausgesetzt. In Capo di Ponte reicht es uns. Auf einem Schild entdecken wir einen Hinweis auf das "Albergo Cumilí". Im Ortszentrum haben wir es gleich gefunden. Der Augenschein überzeugt uns und wir machen die Unterkunft klar. Die Bikes werden sicher im Vorratskeller verwahrt. Wir betreiben Ausrüstungs- und Körperpflege und laufen dann durch das kleine verträumte Örtchen, offensichtliche keine Touristenhochburg. Das ist uns sehr Recht. Nach dem ordentlichen Abendbrot nehmen wir unseren bewährten Schlummertrunk zu uns: 2 Bier und wichtig, einen Grappa. Der lockert die Muskulatur. Wir haben keine Probleme mit dem Einschlafen.

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empfohlene Vorzugsvariante: Gran Tour Venerocolo

Ab Aprica entweder mit der Seilbahn oder aus eigener Kraft hinauf zur Bergstation der Magnolta-Seilbahn. Von dort weiter auf dem alten Militärweg in Richtung Passo di Venerocolo. Der wurde hergerichtet und führt als schöner Höhenweg zum Pass. Gefahren mit Alcide Pancot - danke für den schönen Tag.

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empfohlene Vorzugsvariante: Passo di Campelli

Ab Passo Vivione bergab in Richtung Schilpario. Beim Rifugio Bagozza links auf grober Schotterpiste meist gut fahrbar zum Passo di Campelli. Dieser Übergang bietet herrliche Ausblicke zur Adamello-Gruppe und führt dann auf Nebenwegen direkt nach Breno. So umgeht man die ätzende Talfahrt auf der SS 42 zwischen Edolo und Breno: siehe auch 7. Tag Schweizroute.