Transalp.info by Andreas Albrecht

Mittenwald - Uina - Comersee


7. Tag: Bocchetta di Trona - Valle Varrone - Comer See

350 IMG 1236Aufbruch ins Ungewisse? So dramatisch will ich es nicht ausdrücken. Schließlich befinden wir uns in einer seit Jahrtausenden besiedelten Kulturlandschaft. Ungewiss ist für mich nur, ob sich der Aufwand gelohnt hat, sprich die vielen Höhenmeter zum Abschluss des gestrigen Tages. Die abendliche Unterhaltung in der Hütte hatte mir schon etwas Klarheit gebracht. Der Rest würde sich heute finden. Meine zeitliche Prognose für den Aufstieg bis zur Bocchetta di Trona lautet: rund eine halbe Stunde.
Der Pfad ist am Beginn etwas für Freunde des gepflegten Bergauftrailens; etwas verblockt, aber noch nicht so steil, so dass es für einige Mountainbiker wohl teilweise fahrbar sein könnte. Erst zum Ende hin wird es richtig steil. Insgesamt dauert die Wanderung für Franco und mich ca. eine halbe Stunde, exakt wie ich es vorhergesagt hatte. An der Bocchetta di Trona finden sich Ruinen alter Bauwerke. Diesmal sind es keine militärischen Hinterlassenschaften, sondern Überbleibsel alter Bergwerksanlagen. Im Val Varrone wurde einmal Eisenerz abgebaut. Als das Gebiet unter österreichischer Herrschaft stand, entschied die Kaiserin Maria Theresia (1717 - 1780), dass das bis dahin vorhandene alte Wegenetz (die alte Eisenstraße "Strada del Ferro") nach den Maßstäben der damaligen Zeit umfassend modernisiert werde. Darum findet sich auch die Bezeichnung "Strada di Maria Teresa". Im Val Varrone gibt es deshalb bis zur Passhöhe Bocchetta di Trona die alte Schotterpiste, an der natürlich der Zahn der Zeit genagt hat.
Bergbau wird schon lange nicht mehr betrieben und auch die frühere militärische Bedeutung hat der Weg längst eingebüßt. Im Ersten Weltkrieg gehörte dieser Pass zur Cadorna-Linie. Sie wurde gebaut, um gegebenenfalls einen Angriff Deutschlands und Österreich-Ungarns abzuwehren. Entsprechend lange ist deshalb auch vor allem im oberen Teil keine systematische Wegepflege mehr betrieben worden. Die Trassierung ist noch gut zu erkennen, zurückgeblieben ist eine schöne grobe Piste. Das freut den Mountainbiker natürlich ungemein. Franco und ich machen uns auf den Weg. In Serpentinen schlängelt sich der Trail hinunter in den Talgrund. Nicht zu schwer und nicht zu leicht, genau richtig. Etwa in Höhe der Alm Casera Vecchia wird der Pfad dann eine grobe Schotterpiste, die diesen Charakter bis zum kleinen Gewerbegebiet unterhalb Premanas beibehält. Auch wenn es heute etwas diesig ist, je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es. Mir rauben zwei, drei Gegenanstiege den letzten Nerv. Wir befinden uns nun auf einer kleinen Nebenstraße. Franco steht etwas unter Zeitdruck, er muss heute noch nach Grosotto zurück. Wir trennen uns deshalb hier und verabschieden uns herzlich. Ich bedanke mich nochmals für seine Begleitung.

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Den Rest des Weges an den Comer See muss ich nun selbst finden. Das ist auch nicht so schwer, denn die Nebenstraße führt aus dem Val Varrone heraus direkt auf den Comer See zu. Unterwegs mache ich noch einen kleinen Abstecher durch das Dörfchen Avano, dessen enge Gassen man nur zu Fuß bzw. mit dem Rad durchstreifen kann. Bei Tremenico studierte ich eine Schautafel am Wegesrand. Ihr entnehme ich, dass es eventuell auch noch eine mit einem nochmaligen Aufstieg verbundene Variante entlang des Monte Legnoncino gibt. Dessen Erkundung hebe ich mir für später auf (siehe Variante Berg: Trail Sommafiume). Ich will heute auf direktem Weg den Comer See erreichen. Meine Streckenfühler habe ich immer aktiviert. So entgeht mir auch nicht der alte Pfad zwischen Vestreno und Dervio, der zum Abschluss noch einen kleinen Trail ergibt, ehe ich in Dervio die Uferstraße des Comer Sees erreiche. Wer nach dieser Transalp ganz kaputt ist, kann hier schon in den Regionalzug nach Colico einsteigen. Soweit ist es bei mir noch nicht, ich lasse mir die Passage entlang des Comer See nicht entgehen. Auf dieser Uferstraße ist nicht viel Verkehr, da der überörtliche Durchgangsverkehr auf einer Schnellstraße und durch Tunnel geführt wird. Die Fahrt geht über Dorio und Corenno Plinio, dessen Ortskern auch eine Besichtigung wert ist. Bei Laghetto di Piona biege ich dann auf eine Nebenstraße ab, die mich nach Colico und direkt an das Ufer des Comer Sees bringt. Geschafft! Ein Hotel in Bahnhofsnähe ist schnell gefunden. Den Abend verbringe ich am Seeufer. Eine schöne, eindrucksvolle Transalp liegt hinter mir.

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Abschlussvariante Berg: Trail Sommafiume

Es hat mir dann doch keine Ruhe gelassen. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es noch eine Variante an der Flanke des Monte Legnoncino geben sollte, die mehr Trails enthalten würde. Deshalb habe ich ein wenig recherchiert und bin fündig geworden. Die italienische Mountainbikerin Marzia Firorini ("Trailqueen of Valtellina") hatte mir einen GPS-Track geschickt und auch Annette und Rainer Kälberer haben in ihrem "Bikeguide Comer See" (Bergverlag Rother: ISBN 978-3-7633-5020-9) eine Tour am Monte Legnoncino beschrieben. Beides zusammen ergab für mich erste Anhaltspunkte. Klarheit würde erst eine Recherche vor Ort ergeben. Die Ergebnisse sprechen für sich.

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Mein Bikefreund Dirk, der ja schon bei diversen Etappen dieser Transalp dabei war, hatte Lust und vor allem auch Zeit, mich bei der Trailsuche zu begleiten. So sind wir dem tristen Frühjahr in Deutschland entflohen, um Nägel mit Köpfen zu machen. Den Anreisetag haben wir genutzt, um mit dem Auto erst einmal einen Eindruck zu gewinnen, wo etwas gehen könnte und wo nicht. Am nächsten Tag sind wir dann mit den Mountainbikes los. In Tremenico zweigt eine kleine Bergstraße in Richtung Ristorante Capriolo ab. In Serpentinen schraubt sie sich recht moderat an der Flanke des Monte Legnoncino nach oben. Ab dem Ristorante Capriolo folgt eine nahezu höhengleich verlaufende Querpassage auf Schotter in Richtung Artesso. Der Comer See kommt zum ersten Mal ins Blickfeld. Auf allen Seiten eingerahmt von hohen Bergen schimmert er blau in der Tiefe. Wir erreichen wiederum eine kleine Bergstraße, die von Sueglio hinauf nach Artesso führt. Eine Panoramastraße bringt uns dann nach Sommafiume. Bei den ersten Häusern zweigt links ein Karrenweg ab, der uns ins Herz des kleinen Bergdorfes bringt. Im Ortskern gibt es nur die alten Pfade, für ein Auto sind die zu schmal. Ein paar Leute werkeln an ihren Häusern, sie holen sie wohl aus dem Winterschlaf. Am Ortsende ist ein Heli-Landeplatz, von dem aus wir wiederum einen fantastischen Ausblick auf das Nordende des Comer See haben. Colico liegt uns zu Füßen. Das kleine Städtchen visieren wir an. Dabei lassen wir uns von unserem Gefühl für den rechten Weg leiten. Der Berg ist durchzogen von alten Karrenwegen und Pfaden, die die uralten Ansiedlungen und Gehöfte miteinander verbinden. Viele von denen sind auch heutzutage nicht mit dem Auto zu erreichen; ein perfektes Revier für Mountainbikes. An diversen Abzweigungen halten wir lieber einmal zu viel als zu wenig an, um uns zu orientieren. Man kann der Wege-Intelligenz der frühen Bewohner schon vertrauen. Wer damals am Berg lebte, hat sinnvolle Wege angelegt. Mit Vercin, Bedole, Campiglione und Vezzee durchstreifen wir einige dieser alten Gehöfte, die jeweils nur aus einer Handvoll alter Steinhäuser bestehen. Verbunden sind sie mit alten Steigen, die schon vor Jahrhunderten trassiert wurden. Des öfteren durchqueren wir dabei kleine Bachbette, die im Frühjahr gut mit Wasser gefüllt sind. Zwischendurch gibt es immer wieder freie Ausblicke auf den Comer See. Kurzum - es ist ein Traumpfad, den Dirk und ich hier vorfinden. Ein bunter Mix aus Trails und Schotterpisten, kein nennenswerter Gegenanstieg, besser kann man es kaum treffen.
Schließlich erreichen wir die höher gelegenen Vororte von Colico. Zwischen Posallo und Borgonuovo passieren wir gerade rechtzeitig zur Mittagszeit die Trattoria Bel-Sit. Davor verkündet ein Schild: Pranzo di Lavoro. Das bedeutet, hier gibt es ein Mittagessen zum Pauschalpreis. Einige einheimische Handwerkerfahrzeuge stehen auf dem kleinen Parkplatz. Das ist immer ein gutes Zeichen. Wir suchen uns im gut gefüllten Gastraum ein Plätzchen und lassen uns überraschen, was es heute gibt: Penne mit Ragú und danach ein gegrilltes Rindersteak - alles hausgemacht und sehr lecker. Frisch gestärkt suchen wir nun noch einen schönen Abschluss zum Comer See. Dabei finden sich noch ein paar Schotterpisten, ehe wir in der Nähe vom Bahnhof Piona auf meine Route treffen, die von Dervio kommend am Seeufer entlang nach Colico verläuft. Irgendwie haben Dirk und ich das Gefühl, dass die Berg- und Trailvariante, die wir eben gefunden haben, die schönere ist. Wir befahren sie am folgenden Tag bei klarem und sonnigem Wetter erneut, um Fotos zu machen und sind sicher - das ist es. So sollte eine Transalp an den Comer See enden.

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Übernachtungstipps - alternative bikefreundliche Unterkünfte in der Nähe von Colico:

La Fiorida
23016 Mantello (SO), Via Lungo Adda, Tel: 0039-0342-680846
www.lafiorida.com

Hotel Sosta & Spluga
23015 Dubino - Nuova Olonio, Via Spluga 42, Tel: 0039-0342-687400
www.splugahotel.it