Transalp.info by Andreas Albrecht

Schweizcross


5. Tag: Der Tag, an dem der Regen kam

opner 350 IMG 3990Text: Daniel Bolender

Bereits in der Nacht schwant mir Übles, als ich die Berge durchs Fenster nicht mehr sehen kann, und es liegt nicht an der Dunkelheit. Am Morgen zeigt sich dann das ganze Ausmaß: blauer Himmel war gestern. Man sollte die Gelegenheit doch beim Schopfe packen, wir haben es jedenfalls verpennt. Statt gestern die Zeit totzuschlagen wäre eine Fahrt zum Jungfraujoch locker drin gewesen. Dann fällt diese nun aus, na immerhin viel Geld gespart. Wir suchen das Weite, denn noch regnet es nicht, und verlassen ungeachtet der Tourimassen, die trotz des sinnfreien Jungfrau-Wetters aus dem Tal mit dem Zug herauf kommen, diesen heute wahrhaft trostlosen Ort stilgerecht über einen schönen Trail.
Der Trail führt uns zur Bahnstation Wengernalp (1847 m), ab der wir entlang der Bahnlinie dem Wanderweg bis Wengen (1275 m) folgen. In Anbetracht des feuchten Untergrunds ist dieser Weg im Moment genau das Richtige. Das Interessanteste an Wengen ist vermutlich, dass es so gut wie keinen Autoverkehr gibt, das war es dann auch schon. Wir rollen einfach durch den Ort durch. Vom tiefen Einschnitt des nahen Lauterbrunnentals mit seinen oft senkrechten Felswänden kann man wegen der dichten Wolken nicht mal etwas ahnen.
Überhaupt wird es zunehmend dunkler und ohne Uhr könnte man vermuten, dass gerade die Dämmerung hereinbricht. Der Himmel ist wirklich stockduster. Entkommen kann man dieser heranziehenden Hölle nicht wirklich, und so haben wir den Ort noch nicht richtig verlassen, als sich alle Schleusen öffnen. Wir retten uns bereits angenässt für eine halbe Stunde in den Eingang eines kleinen Hotels. Da es aber nicht nach einer baldigen Besserung aussieht, wagen wir uns, nachdem der größte Schutt vorbei ist, in den Regen.
Knapp hinter dem Ort weißt ein Wegweiser auf einen Pfad in Richtung Lauterbrunnental. Das wird es wohl sein. Der Weg ist bei den aktuellen Wasserständen nicht trivial. Mal steil, mal sehr steil geht es teilweise in kleinen Serpentinen einen Wanderweg hinunter. Gelegentliches Schieben tut Not. Dennoch kann ich es mir nicht verkneifen, dass mir das Rad auf einem Holzstück zur Seite wegschmiert und ich eine Bodenprobe nehme. Gesehen hat niemand was, passiert ist zum Glück auch nichts (im Gegensatz zu einem ganz ähnlichen Sturz drei Monate später, der mich mein Schlüsselbein gekostet hat).
Am Talboden angekommen, klemmen wir uns auf den Radweg an der Lütschine (917 m) und heizen dem Wetter zum Trotz in Richtung Interlaken. Der Regen wird langsam weniger und in Wilderswil (584 m) können wir endlich eine Pause einlegen. Ein Supermarkt kommt uns da gerade recht. Die nahe Telefonzelle wird ebenso zur fälligen Korrespondenz genutzt. Wir nutzen die trockene, ja fast schon wieder sonnige Wetterphase und machen einen ausgedehnten Brunch. So können die Klamotten etwas trocknen. Der heutige Tag ist, bis auf die entfallene Jungfraujochbesichtigung, kein großes Highlight, sondern kann als Zubringer in Richtung Adelboden gesehen werden. Leider gibt es keinen alpineren Weg dorthin, als die Passage am Thuner See entlang, der die Nordgrenze der Schweizer Alpen bildet. Wer wirklich was auf sich hält, der nimmt für diese Verbindung die Serfinenfurgge, abschreckende Informationen dazu finden sich im IBC-Forum.
Interlaken streifen wir nur ganz am Rande auf dem Weg zum Thuner See. Blaue Löcher in der Wolkendecke motivieren nun für den Nachmittag. Die Uferstraße am See ist zwar nicht so dolle, in Därlingen und Leissingen (570 m) kann man aber gut ausweichen und das war es denn auch schon. Wir fahren nicht am See entlang bis Spiez, sondern kürzen ab über die Höhe von Äschi (862 m) um ins Tal nach Adelboden zu gelangen. Dies kann man nur empfehlen, da auf der kleinen Straße kaum etwas los ist und die Blicke zum Thuner See von oben viel reizvoller sind. Hinter Äschi geht es wieder kurz hinunter, bis man in Mülenen (692 m) auf die Kander trifft. Dieser kann man östlich durch die Orte Reichenbach und Kien bis Frutigen (762 m) auf kleinen Nebenstraßen flussaufwärts folgen.
In Frutigen gabelt sich das Tal. Der Hauptverkehr biegt ab ins Kandertal und zum bekannten Lötschbergtunnel. Wir müssen nach Adelboden nun durch das Entschligetal. Um weiterhin die Hauptstraße meiden zu können, habe ich bei der Tourrecherche eine Straße am östlichen Talhang ausgemacht.

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Diese führt durch Elsigbach an einer potentiellen Übernachtung mit dem selben Namen immer in der Höhe bis nach Adelboden.
Andreas ist zwar skeptisch, aber die Truppe fügt sich ohne Gegenwehr. Seine Skepsis war durchaus angebracht. Die Straße führt uns zwar in die richtige Richtung, hat sich dabei aber einen Namen redlich verdient. Ich nenne sie nun "die Rampe". Nahezu 400 Höhenmeter müssen auf kürzester Distanz durch die Bikerbeine gepumpt werden, Ruhezonen gibt es nicht. Glückliche Fügung, dass ich bei dieser Steigung das Schlusslicht bilde und keine Diskussionen aufkommen können. Keine Frage, sinnvoll ist diese Variante schon, denn hoch müssen wir ohnehin, aber dass die Höhenmeter so intensiv hereinbrechen würden, kommt doch überraschend.
350 Swiss Cross 2009 freemn 097Als ich Elsigbach (1319 m) erreiche, ist es wieder bedrohlich dunkel geworden. Thomas und Andreas haben sich die Wartezeit im Gasthaus versüßt, ich geselle mich dazu. Als Übernachtung wäre das tatsächlich nicht schlecht, dennoch sieht die Planung noch ein paar weitere Kilometer vor. Viel geleistet haben wir heute auch nicht, sieht man mal von dem letzten Aufstieg ab.
Es ist zwar frisch geworden draußen, aber immer noch trocken. Dies bleibt aber nicht so. Kurz nach der Weiterfahrt bricht ähnlich wie schon am Vormittag eine Wasserschlacht über uns herein, vor der wir unter ein Garagendach flüchten müssen. Blitze zucken in unmittelbarer Nähe und lassen die Szene gespenstig erscheinen.
Ein Übernachtung in Elsigbach wäre vielleicht doch geschickt gewesen, aber zu spät, erneut müssen wir in den Regen. Eine kleine Abfahrt lässt es zudem unangenehm kalt werden. Aber es ist nicht mehr weit. Wir überqueren die Entschlige (1201 m) und befinden uns praktisch direkt am Ortseingang von Adelboden. Allerdings zieht sich der Ort über ca. 200 m den Berg hinauf und bis zur Ortsmitte sind es noch ein paar Meter. Ich folge der Beschilderung und fahre abseits der Straße abermals eine wärmende Rampe, bei der ich gegenüber den anderen, die der Straße folgen, sogar ordentlich Zeit gut machen kann. In einer Telefonzelle wird nun die Übernachtung in Gilbach (1431 m) klar gemacht, denn auf Überraschungen hat bei dem Wetter keiner mehr Lust. Nach 10 Minuten stehen wir in der warmen Stube vom Des Alpes, ein Adresse, die ich ohne Info einfach aus dem Internet gepickt habe. Aber es hat sich gelohnt, gemütlich, bezahlbar und vor allem trocken. Beim leckeren Abendessen geht ein ziemlich staubfreier Tag zu Ende. Draußen regnet es derweil ohne Unterlass weiter, während die Temperatur immer weiter sinkt.

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