Transalp.info by Andreas Albrecht

Tiroler Jöchl Transalp


2. Tag: Maria Waldrast - Brennergrenzkamm - Enzianhütte

opener 350 CIMG2312Ein klarer und hier oben noch angenehm frischer Morgen bricht an. Wir rollen auf der Schotterpiste, die im Winter eine Rodelbahn ist, gemütlich bergab nach Matrei. Dort gibt es entlang der Brennerstraße ein paar Nebenwege. Die nutzen wir bis Stafflach. Hier beginnt eine Engstelle, so dass wir bis Gries auf der Bundesstraße fahren. Die ist am Montagmorgen noch kaum befahren, es nerven noch keine Wohnwagengespanne und Horden von Motorradfahrern. Flugs sind wir am Gasthof Rose, wo Hermann in alter Frische auf uns wartet. Zeit für ein zweites Frühstück. Die Mama von Thomas Libiseller, dem jungen Chef des uralten Gasthauses, serviert uns Rührei mit Speck, dazu ein Haferl Kaffee. Da fällt der Aufbruch schwer. Doch schließlich reißen wir uns los. Thomas erscheint noch rechtzeitig, so dass wir uns auch von ihm verabschieden können. Los gehts. Heute steht die Brennergrenzkammstraße auf dem Plan. Bei diesem klaren Sommerwetter ein absolutes Highlight. Im Laufe der Jahre habe ich viele der möglichen Varianten ausprobiert, den Brennergrenzkamm zu erreichen. Wir entscheiden uns heute für die am wenigstens mit Schieben verbundene Variante. Diese führt hinein ins Obernberger Tal bis Vinaders. Hier zweigt dann der Weg zur Sattelbergalm ab. Zunächst asphaltiert wird daraus später ein gut fahrbarer Schotterweg. An der Sattelbergalm kann man vor einer Traumkulisse rasten und bei Bedarf übernachten und sich beim Chef bedanken, dass er in Eigeninitiative einen neuen Weg hoch zum Sattelberg geschoben hat. Die Passage auf der originalen Grenzkammstraße führt im ersten Abschnitt auf Südtiroler Seite über den Weidegrund eines Bauern. Dieser hatte in Transalpkreisen eine gewisse Berühmtheit erlangt und wurde oft als sogenannter "böser Bauer" bezeichnet. Zu seiner Ehrenrettung muss man allerdings etwas über die Entstehungsgeschichte der Problematik erzählen.


Es begab sich Ende der 1990er Jahre, als ein selbsternannter Transalp-Guru ein inzwischen hochkommerzielles Etappenrennen über die Alpen ins Leben rief. Die erste Veranstaltung hatte sicher noch einen gewissen Pioniercharakter und die Organisatoren scherten sich recht wenig um eine Durchfahrtsgenehmigung auf Privatgrund. So muss der betroffene Bauer sich wohl erstaunt die Augen gerieben haben, als plötzlich und ohne Vorankündigung Scharen wildgewordener Mountainbiker über seinen Weidegrund fuhren und seine Kühe erschreckten. Manche Teilnehmer von solchen Massenveranstaltungen entsorgen zudem noch gern ihren Müll in Form von Verpackungen diverser Energieriegel, indem sie sie der Einfachheit halber einfach in die Landschaft schmeißen. Nette Menschen sind das nach dem Motto: In der Masse wird der Mensch zum Vieh. Jedenfalls schaltete der Bauer nach diesem Erlebnis auf stur und verjagt jeden Mountainbiker, dessen er ansichtig wurde, von seinem Grund. Ein gewisses Verständnis kann ich für sein Verhalten schon aufbringen. Von dem, der diese Problematik damals losgetreten hat, ist nicht bekannt, ob er irgendwelche Versuche unternommen hat, die Situation zu entspannen.


Abhilfe hat hier, wie schon gesagt, der Wirt der Sattelbergalm geschaffen. Kurz vor der Grenze zu Südtirol biegt nun der Jubiläumssteig rechts ab. Man könnte nun in der Direttissima knappe 500 Höhenmeter sein Rad hinauf zum Sattelberg schieben oder aber einen Schleichweg benutzen, den ich nach diversen Hinweisen in Internetforen gezielt gesucht und schließlich auch gefunden habe. In einer Höhe von ca. 1820 m muss man den niedrigen Stacheldraht überwinden. Erkennbar ist der stachelige Übergang an einem Grenzschild, dass ziemlich exakt die Stelle markiert. Auf der Südtiroler Seite führt dann ein Waldpfad direkt zur Brennergrenzkammstraße, die man dann bergauf fahren kann, sofern man dazu in der Lage ist. Den erwarten ein paar steile Rampen. Wenn dazu noch, wie so oft und auch heute, starker Wind von vorn oder von der Seite bläst, werden sich kurze Schiebepassagen kaum vermeiden lassen. Nicht so für Dirk, Jürgen und Stephan, die den Weg komplett hochdrücken. Oben bei den zerfallenen Militärunterkünften sammeln wir uns wieder. Nun beginnt der gemütliche Teil. Kilometerlang windet sich die alte Militärpiste an den Bergflanken entlang in Richtung Sandjöchl.
Hinweis: Das Thema "böser" Bauer hat sich inzwischen erledigt. Man kann den Forstweg bzw. die alte Militärstraße hinauf zum Sattelberg nehmen. Die enthalten allerdings auf Südtiroler Seite auch sehr steile Rampen an der Grenze des Fahrbaren.

Diese Schotterpiste ist eine der wenigen sinnvollen Hinterlassenschaften des militärischen Größenwahns von Mussolini. Südtirol wurde ja bekanntlich nach dem Ersten Weltkrieg Italien angegliedert, was bis heute Gärstoff bildet für diverse Differenzen und Spannungen. Ob die im vereinigten Europa irgendwann ganz verschwinden, bleibt abzuwarten. Das faschistische Regime in Italien der 1920er bis 1940er Jahre betrieb jedenfalls mit wenig Feingefühl eine teilweise brutale Politik der Italienisierung der deutschsprachigen Volksgruppe. Damit verbunden war auch eine Abriegelung der neuen Grenze am Brenner zu Österreich und deren militärischer Befestigung unter anderem hier am Brennergrenzkamm.

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350 CIMG2331Dieses Straßensystem sollte zum Glück jedoch nie in irgendwelche Kampfhandlungen einbezogen werden. So liegen die Straßen, Pisten und Trails noch so, wie sie angelegt wurden. Nur der Zahn der Zeit nagt an ihnen. Das ist am berühmten Portjochtrail besonders deutlich zu erkennen. Der befindet sich am westlichen Ende der Grenzkammstraße und wurde in einer ingenieurtechnischen Meisterleistung hinunter ins Pflerschtal trassiert. Durch steilste Felswände führt er quasi in der Falllinie hinab ins Tal und erreicht die Bahntrasse der alten aufgelassenen Brennerbahn. Den Weg habe ich mal befahren, was eine nicht ganz ungefährliche Angelegenheit ist, da inzwischen Teile des Weges erodiert und abgerutscht sind. Das kann man mal machen, wenn man Zeit und kein schweres Gepäck dabei hat. Für unsere Transalp ist er definitiv nicht geeignet. Da gibt es eine schönere Alternative. Ein schöner Trail führt vom Sandjöchl hinab nach Giggelberg, wobei er mehrfach die Militärpiste quert. Die technischen Schwierigkeiten halten sich in Grenzen, so dass man ihn auch mit einem Transalprucksack auf den Rücken fahren kann. Wem das trotzdem nicht behagt, kann ja jederzeit auf die Schotterstraße ausweichen. Jedenfalls erreicht man früher oder später den Rest des Weges auf dem kleinen Sträßchen, das dann zur schon erwähnten alten Bahntrasse führt.
Hier lassen wir es ordentlich laufen. Stephan tut dabei des Guten wohl etwas dazu. Ich bin kurz hinter ihm, sehe uns auf eine Linkskurve zufahren, bremse ab und wundere mich, warum Stephan das nicht tut. Ich denke gerade, das kann nicht gut ausgehen, als Stephan seinen Fehler bemerkt. Ich rufe nach hinten: "Achtung!", als Stephan auch schon gekonnt und elegant im weichen Gras eine Notlandung vom Feinsten hinlegt. Super Haltungsnoten und nichts passiert. Erleichtertes Lachen löst die Spannung, die bei uns aufgekommen, denn alle hatten freies Blickfeld. Ich mache den Vorschlag, das aus Gründen der fotografischen Dokumentation zu wiederholen, Stephan lehnt aber unverständlicherweise ab. Nun gut - weiter gehts. Nach einem letzten versteckten Trail erreichen wir die alte Bahntrasse. Dort befindet sich ein Radweg, der uns nahezu höhengleich nordwärts bringt zum Beginn der Auffahrt zur Enzianhütte. Dort wartet eine urige Unterkunft auf uns. Die Auffahrt ist angenehm zu fahren, das Preis-Leistungsverhältnis der Enzianhütte stimmt, das Essen ist lecker. Die Empfehlung kann ich ruhigen Gewissens aussprechen. Ein wunderbarer Sonnenuntergang beschließt diese Königsetappe in den Alpen.

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Übernachtungstipps:

Enzianhütte: 0039/0472/631 224, 61 Betten, Lager, www.schutzhuetten.net/enzianhuette.html